Jede Sorte ist eine einzigartige Komposition aus über 100 Cannabinoiden, mehr als 200 Terpenen und zahlreichen Flavonoiden. Das Terpenprofil entscheidet – nicht der THC-Wert.
Der Entourage-Effekt beschreibt das synergetische Zusammenspiel aller Pflanzenstoffe. Cannabinoide, Terpene und Flavonoide wirken gemeinsam stärker und nuancierter als jede Einzelsubstanz. Raphael Mechoulam prägte den Begriff 1998 – und Ethan Russo zeigte: Terpene sind keine Duftstoffe, sie sind pharmakologische Akteure im Endocannabinoid-System.
Die klassische Einteilung in Indica und Sativa ist botanisch kaum noch haltbar. Moderne Forschung spricht von Chemovaren – Sorten, die nach ihrem chemischen Profil kategorisiert werden. Das erlaubt gezielte Therapieentscheidungen.
Hoher THC-, niedriger CBD-Gehalt. Starke psychoaktive Wirkung. Therapeutisch bei chronischen Schmerzen, Spastiken, Appetitlosigkeit. Erfordert präzise Dosierung.
Balanced-Profil. CBD moduliert die THC-Wirkung, reduziert anxiogene Effekte. Gilt als besonders verträglich. Breites therapeutisches Fenster für Einsteiger und sensible Nutzer.
Kaum bis kein THC. Nicht psychoaktiv. Entzündungshemmend, angstlösend, neuroprotektiv. Ideal für Dauertherapie, Kinder, ältere Menschen oder bei beruflicher Verantwortung.
Einteilung nach Hazekamp & Fischedick (2012), Drug Testing and Analysis. Zusätzlich relevant: CBG, CBN, THCV und weitere Minorcanabinoide, die das Profil weiter differenzieren.
Terpene produziert die Pflanze in denselben Trichomen wie Cannabinoide. Sie sind der Schlüssel zur Wirkrichtung einer Sorte – und der Grund, warum zwei Sorten mit identischem THC-Gehalt völlig verschieden wirken.
Das häufigste Terpen in Cannabis – kann bis zu 50% des gesamten Terpenprofils ausmachen. Myrcen erhöht die Durchlässigkeit der Blut-Hirn-Schranke und verstärkt so den Eintritt von Cannabinoiden ins zentrale Nervensystem. Stimuliert die Freisetzung körpereigener Opioide.
Klinische Studien zeigen: Limonen wirkt anxiolytisch und kann die durch THC ausgelöste Angst aktiv abpuffern (Spindle et al.). Erhöht Serotonin- und Dopaminausschüttung. Bereits in den 1990ern verbesserte inhaliertes Limonen Stimmung bei Depressions-Patienten und reduzierte den Bedarf an Antidepressiva.
Pharmakologisch einzigartig: das einzige bekannte Terpen, das direkt an den CB2-Rezeptor des Endocannabinoid-Systems andockt und damit wie ein Cannabinoid wirkt. Besonders relevant bei neuropathischen Schmerzen, Arthritis und Entzündungsgeschehen. Universität Bonn bestätigte Wirkung in Tierstudien.
Bekannt aus Lavendel und seit Jahrhunderten in der Volksmedizin. Linalool wirkt auf das GABA-System – den körpereigenen „Bremsmechanismus" des Nervensystems – und entfaltet so anxiolytische und krampflösende Eigenschaften. Besonders relevant bei stressbedingten Beschwerden, Schlafstörungen und Angststörungen.
Das weltweit am häufigsten vorkommende Terpen in der Natur. Pinen hemmt das Enzym Acetylcholinesterase – das Enzym, das für THC-bedingte Kurzzeitgedächtnis-Beeinträchtigungen mitverantwortlich ist. Wer Klarheit trotz THC-Konsum bevorzugt, profitiert von pinenreichen Sorten besonders.
Verleiht Hopfen und Bier seine typisch herbe Note. In Cannabis tritt Humulen häufig gemeinsam mit β-Caryophyllen auf und verstärkt dessen entzündungshemmende Wirkung. Besonderheit: als eines der wenigen Terpene zeigt es appetithemmende statt appetitsteigernde Eigenschaften – therapeutisch interessant bei Adipositas-assoziierten Erkrankungen.
Das am wenigsten sedierende der gängigen Terpene. Terpinolen ist für aufhellende, klare und manchmal leicht euphorisierte Erlebnisse mitverantwortlich. Kommt vor allem in Sativa-nahen Sorten vor. Präklinisch zeigt es zudem antimikrobielle, antioxidative und in Tierstudien antitumorale Eigenschaften.
Ein seltenes, aber wirkungsvolles Terpen in blumigen Sorten. Besonders interessant in Kombination mit Pinen und Limonen – diese Terpen-Triade zeigt synergistische antiinflammatorische Wirkung. Antiviral, antifungal und leicht belebend. Häufig in Sorten mit komplexem, süßlich-frischem Bouquet.
Keine medizinische Empfehlung – aber eine Orientierung, welche Terpen-Kombinationen in der Praxis für welche Beschwerdebilder besonders häufig eingesetzt werden.
Terpene sind flüchtige Verbindungen mit niedrigen Siedepunkten. Verbrennung im Joint zerstört den Großteil des Terpenprofils bei über 700°C. Vaporisierung bei kontrollierten 160–200°C erhält das vollständige Wirkstoffprofil – und damit den Entourage-Effekt. Wer das Potenzial einer Sorte wirklich nutzen will, kommt am Vaporizer nicht vorbei.
Terpene sind extrem aromatisch – und der Geruchssinn ist ein erstaunlich zuverlässiger Indikator dafür, welches Terpenprofil der Körper gerade braucht. Wer eine Blüte öffnet und sich direkt angesprochen fühlt, bekommt oft einen Hinweis auf eine gute physiologische Passung. Führe ein Aromatagebuch und notiere Sorte, Duft, Wirkung und Befinden.